Tagesanzeiger

«Unsere Stadt wurde verraten»

20. Januar 2016

Deir al-Zor, im Osten Syriens, steht kurz vor der Eroberung durch den Islamischen Staat. In Wien versuchen geflüchtete Bewohner verzweifelt, Nachrichten von ihren Freunden und Verwandten zu bekommen. 

Die neusten Nachrichten lassen nichts Gutes erwarten: Der Oberbefehlshaber der syrischen Regierungstruppen, Mohammed Kaddur, habe Deir al-Zor verlassen. Der Generalmajor sei im Kampf verwundet und nach Damaskus ausgeflogen worden, heisst es auf einer Internetsite der syrischen Regierung. «Aber das stimmt nicht», glaubt Omar B. «Unsere Stadt wurde verraten. Sie soll dem Islamischen Staat überlassen werden.» 


Strasse in Deir al-Zor nach eine Bombenangriff der Regierungsarmee. 

Der Oligarch der Oper

23. November 2015

Eine Wiener Theatergruppe hat Aufstieg und Fall von Michail Chodorkowski zum Singspiel verarbeitet. 

Auf dem Foto sind sie vereint. Wladimir Putin und Michail Chodorkowski, Russlands Präsident und sein heute im Schweizer Exil lebender Gegner. Die Gesichter sind auf die Eintrittskarten gedruckt, mit denen die Theaterbesucher den Saal betreten. Billeteure zerreissen die Karten, Präsident und Oligarch werden für immer getrennt. So beginnt die Oper «Chodorkowski» der kleinen, aber produktiven Wiener Theatergruppe Sirene in der Akademie der bildenden Künste. Das Libretto und die Inszenierung stammen von der Mitgründerin der Gruppe, Kristine Tornquist; die atonale Musik hat der in Wien lebende Grieche Periklis Liakakis komponiert. 


Da hielten sie noch zusammen: Michail Chodorkowski und Wladimir Putin auf einer Jelzin-Matrioschka. Foto: Sirene Operntheater

Die Grenze in den Köpfen

29. Oktober 2015

An der slowenisch-österreichischen Grenze wird europäisches Versagen sichtbar. 

800 Meter lang und 100 Meter breit ist das Elend der EU in der Flüchtlingskrise. Auf diesen 80'000 Quadratmetern, der Fläche von elf Fussballfeldern, kann man an der slowenisch-österreichischen Grenze so ziemlich alle Widersprüche und Absurditäten studieren. Nicht eines, sondern gleich zwei riesige Flüchtlingslager sind zwischen Eisenbahn und Autobahn entstanden, eines auf slowenischer und eines auf österreichischer Seite. 

Ein Land am Limit

28. Oktober 2015

In Österreich ist die Stimmung umgeschlagen. Konservative Politiker und Boulevardmedien hetzen gegen Flüchtlinge. Erste Regierungsmitglieder plädieren für Abschottung. 

Mitten in der Nacht wurde Mohammed Reza Musafari von slowenischen Polizisten unsanft geweckt. «Steht auf, ihr könnt nach Österreich», sagten die Uniformierten. So verliess der 43-jährige Afghane gemeinsam mit etwa 500 anderen Flüchtlingen das geheizte Grosszelt im slowenischen Grenzort Sentilj und marschierte in die Dunkelheit. Weit kamen sie nicht. Nach 300 Metern hielten sie österreichische Soldaten auf. Die Auskunft der Slowenen war falsch gewesen, Österreich liess in der Nacht auf Dienstag keine Flüchtlinge über die Grenze. Zurück ins slowenische Zeltlager durften die Flüchtlinge nicht mehr.

Vor Mozarts Geburtshaus ist Endstation

29. September 2015

Ungarn schickt täglich mehrere Tausend Flüchtlinge nach Österreich, aber Deutschland nimmt immer weniger auf.

«Werden wir heute noch nach Deutschland kommen?» Seit fünf Stunden steht Muneeb Alhamed auf der Brücke über das Flüsschen Saalach, das Österreich und Deutschland trennt. Wochenlang war der Iraker unterwegs, durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Zehn Meter trennen ihn noch von der deutschen Grenze, aber jetzt steckt er auf der Salzburger Brücke fest und mit ihm etwa 200 Iraker, Syrer und Afghanen. Die deutsche Polizei hat die Grenze zwar nicht geschlossen, aber sie lässt stündlich nur 10 bis 20 passieren. Sie werden auf dem deutschen Ufer der Saalach durchsucht und mit einem Bus ins Aufnahmezentrum Freilassing gefahren.

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«Ich danke Europa»: Der Iraker Muneeb Alhamed auf der Grenzbrücke zwischen Österreich und Deutschland. Foto: B. Odehnal

Chaos an der Grenze

10. September 2015

In den Lagern an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn droht eine humanitäre Katastrophe. 

Wie lange sitzen sie schon hier auf dem Asphalt? Die ungarischen Polizisten, die rund um die etwa 100 Flüchtlinge stehen, können es nicht sagen. Ahmed, der junge Syrer aus der Stadt Homs, auch nicht. «Zwei Stunden waren es sicher schon», sagt er und wendet sich wieder seiner Familie zu, die unter einem Tuch Schutz vor der stechenden Sonne sucht. Am frühen Vormittag überquerte die Gruppe auf einem Eisenbahngleis die Grenze zwischen Serbien und Ungarn nahe der Gemeinde Röszke. Doch zur Registrierung ins ungarische Lager wollten sie nicht. 


Flüchtlinge warten auf Busse, die sie in ein Lager bringen sollen. Foto: B. Odehnal

Die Helfer sind am Ende ihrer Kräfte

13. September 2015

In Ungarn und Österreich übernehmen Freiwillige die Aufgaben des Staates. In Österreich bleiben sie alleine, in Ungarn werden sie mit Gefängnisstrafe bedroht. 

Einen Polizisten muss sie noch überreden, dann hat es Edna geschafft. Sie schiebt eine syrische Familie durch die Barriere, steckt ihr Tickets zu und winkt noch einmal, als die Eltern mit drei kleinen Kindern den Zug Richtung Österreich besteigen. Dann bricht Edna erschöpft unter Tränen zusammen. Anderthalb Tage hat die Tochter einer Ungarin und eines Palästinensers nicht geschlafen, hat übersetzt, hat sich in die lange Schlange vor dem Ticketschalter im Budapester Ostbahnhof gestellt, um dann von einer Beamtin abgewiesen zu werden. 


Helferin Neda verhandelt am Budapester Ostbahnhof. Foto: Andras D. Hajdu

In die Falle gelockt

4. September 2015

Westlich von Budapest hält die Polizei einen Zug mit rund 500 Menschen fest. Der Weg nach Westen ist ihnen versperrt.

Als der Intercity nach Sopron den Budapester Ostbahnhof verliess, dachten seine Passagiere noch an eine Reise in die Freiheit. Nachdem die ungarische Polizei den Zugang zum Bahnhof Donnerstagmorgen wieder freigegeben hatten, stürmten Hunderte Flüchtlinge die Bahnsteige und in den nächstbesten Zug, der Richtung Westen abfahren sollte. Dass dieser Zug sie nur auf die ­ungarische Seite der Grenze bringen würde, verstanden sie nicht. Ebenso entging ihnen die Ironie der Stunde, dass die Lokomotive mit einer Erinnerung an das paneuropäische Frühstück 1989 bemalt war: Damals gingen die Grenzen des Ostblocks für Tausende Flüchtlinge aus der DDR auf. 


Flüchtlinge halten handgeschriebene Botschaften aus dem Zug. Foto: B. Odehnal

Sturm auf die Züge in den Westen

1. September 2015

Nach dem Fund von 71 Toten in einem LKW verschärft Österreich die Strassenkontrollen nahe der ungarischen Grenze. Ungarn lässt dafür die Migranten zu Tausenden ausreisen. 

Und plötzlich sind die Grenzen für Flüchtlinge offen. Obwohl das natürlich niemand so sagt. Die Regierungen Ungarns und Österreichs betonen, wie scharf sie über die Asylbewerber wachen. Doch am Montagvormittag gibt die ungarische Polizei plötzlich den Budapester Ostbahnhof frei, die Flüchtlinge dürfen in den Railjet-Zügen Richtung Westen fahren. Die Nachricht verbreitete sich im «Transit Zone» genannten Lagerplatz vor dem Ostbahnhof in Windeseile. Die Züge wurden gestürmt. Etwa 400 Flüchtlinge blockierten Gänge und Einstiegstüren, weswegen die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) an der Grenze die Übernahme zurückwiesen. Doch die Flüchtlinge weigerten sich, den Zug zu verlassen, da sie fürchteten, registriert und zurück nach Ungarn geschickt zu werden. Auch einen angebotenen Ersatzzug nach Wien wollten sie nicht besteigen, weil sie einen Trick vermuteten. 


Ein aus Ägypten stammender Mitarbeiter der ÖBB zeigt Flüchtlingen den Weg zum nächsten Zug. Foto: B. Odehnal

Plötzlich ist die Grenze zu

1. September 2015

Nur einen Tag liess Ungarn die Flüchtlinge nach Westen ziehen. Jetzt müssen sie wieder unter menschenunwürdigen Bedingungen vor dem Budapester Ostbahnhof lagern. 

Unvermittelt kommt Bewegung in die Menge, die gerade noch wie betäubt in der Unterführung beim Budapester Ostbahnhof lag. Junge Männer springen auf, eilen die Treppen hoch, sprinten zum Bahnhofseingang. Doch dort kommen sie nicht weiter. Die ungarische Polizei hat ihre Truppen zusammengezogen und versperrt den Eingang. Nur Ungarn und Touristen dürfen durch. Keine Flüchtlinge. Die stehen nun vor dem Tor und schreien, dass sie nach Deutschland wollen: «I want to go to Germany, train station is no place for me» oder auch «We are humans» oder einfach «Freedom». Doch die Polizei bleibt hart, und die Flüchtlinge weichen zurück in die Unterführung, wo Frauen und kleine Kinder apathisch auf Decken liegen. So, wie sie seit Tagen und Wochen hier liegen. Mit einem Unterschied: Sie haben mit ihrem letzten Geld Zugtickets in den Westen gekauft. Dennoch dürfen sie nicht reisen. 


Eine Flüchtlingsfamilie wird vor dem Budapester Ostbahnhof von der Polizei kontrolliert. Foto: B. Odehnal

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