Tagesanzeiger

Erwischt wurden nur die kleinen Fische

30. August 2015

Die Verhafteten im Flüchtlingsdrama in Österreich gehören zu einer ungarisch-bulgarischen Schlepperbande 

Wien Hunderte Kerzen stehen vor dem Eingang zum Budapester Ostbahnhof. Sie wurden aufgerichtet zum Gedenken an jene 71 Menschen, die irgendwann zwischen Montag und Mittwoch im hermetisch verschlossenen Laderaum eines Lastwagens auf der Autobahn zwischen Budapest und Wien ums Leben kamen. Vermutlich waren sie qualvoll erstickt. Die Kerzen stammen von einer Gedenkkundgebung der ungarischen Organisation «Solidarität mit Migranten» (Migszol) am Freitagabend. Migszol betreut unter anderem Flüchtlinge, die vor dem Ostbahnhof in einer sogenannten Transit-Zone zwischen Bahnhof und Metrostation lagern. 

Kleiderchaos, Schwarzmarkt und kein Toilettenpapier

26. August 2015

Ein junger Österreicher hat heimlich im Asylzentrum in Traiskirchen gefilmt. Im Interview berichtet er, wie es dort tatsächlich aussieht. 

Das von der Schweizer Firma ORS verwaltete Asylzentrum im niederösterreichischen Traiskirchen wird für seine unmenschlichen Zustände kritisiert. Ein junger Österreicher, Markus P. (Name von der Redaktion geändert), hat sich als Asylbewerber ins Lager geschlichen und zwei Tage lang mit versteckter Kamera den Alltag dokumentiert. Dem Tages-Anzeiger gab er als einzigem Schweizer Medium das Bildmaterial und ein Interview. 

Auf der Wiese gestrandet

26. August 2015

Im österreichischen Flüchtlingslager Traiskirchen müssen Asylbewerber unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Verwaltet wird das Lager von der Schweizer Firma ORS, die jetzt unter scharfer Kritik steht.  

Dass Amnesty International (AI) die Menschenrechtslage in Flüchtlingslagern überprüft, kommt öfters vor – in Spanien, in Griechenland, in afrikanischen Ländern. Für Österreich war es eine Premiere, als AI-Mitarbeiter Anfang August die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in der kleinen Gemeinde Traiskirchen, 30 Kilometer südlich von Wien, besuchten. Der Auftrag kam aus der Zentrale in London, wo man Meldungen über Tausende Asylwerber ohne einen Schlafplatz nicht glauben wollte. 

Sie kommen zurück

16. Juli 2015

Ein junger Österreicher reist nach Syrien, wird verwundet, kehrt zurück und muss ins Gefängnis. Damit löst der Westen aber dieses Problem nicht, im Gegenteil. 

Was macht man mit einem Jugendlichen, der sechs Monate dem Islamischen Staat diente? Der sich in diesen sechs Monaten als Schlächter an den Ungläubigen darstellte, danach reuig in seine europäische Heimat zurückkehrte? Kann diese Reue echt sein? Kann Fanatismus von selbst vergehen, oder bleibt er im Kopf hängen? 

Mit Nato-Draht gegen Flüchtlinge

18. Juli 2015

Ungarn verlegt Auffanglager aus den Städten ins Niemandsland, an der Grenze zu Serbien sind die ersten Meter des geplanten Zauns gebaut, der neue Ankömmlinge stoppen soll. Doch die Zahl der illegalen Grenzübertritte steigt rapid an. 

Schwarze Limousinen rasen durch die Puszta. Sie hüllen blühende Sonnenblumenfelder in Strassenstaub und schrecken Jungstörche aus ihren Nestern auf. Ihr Ziel ist eine Lichtung inmitten dichter Akazienhecken: die ungarisch-serbische Grenze. Um Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern, will die ungarische Regierung hier einen Zaun errichten, 175 Kilometer lang und vier Meter hoch. 

Die schwarzen Limousinen bringen Prominenz aus der Hauptstadt. Innenminister Pinter, Verteidigungsminister Hende und Regierungssprecher Kovacs zeigen 20 Kilometer westlich der Stadt Szeged etwa 100 Journalisten die ersten Meter des neuen Zauns. Pinter stapft an diesem glühend heissen Tag in Gummi­stiefeln durch den Pusztasand. Schmutzig machen müssen sich die Politiker aber nicht, für sie wurde eine Bühne mit Rednerpulten errichtet.


Zwei Minister und ein Zaun: Sandor Pinter (re.) und Csaba Hende an der ungarisch-serbischen Grenze. Foto: B. Odehnal

Drohungen vor der Budapest Pride

11. Juli 2015

In Ungarns Hauptstadt feiern heute Tausende Schwule und Lesben auf der Strasse. Rechtsextreme Gruppen haben Gegenaktionen angekündigt. 

Die Vorfreude ist gross, die Nervosität ebenso. Über 10 000 Teilnehmer werden heute Samstag in der ungarischen Hauptstadt bei der Schwulen-und-Lesben-Parade Budapest Pride erwartet. Der Marsch über den mondänen Andrassy-Boulevard ist traditionell der Abschluss eines einwöchigen Kulturfestivals. Ebenso traditionell sind allerdings die Proteste rechtsextremer Gruppen gegen die Parade, bei der in den vergangenen Jahren Regenbogenfahnen verbrannt und Paradeteilnehmer zum Teil schwer verprügelt wurden. Auch in diesem Jahr erwartet die ungarische Schwulen-und- Lesben-Organisation Hatter tätliche Angriffe. Die rechtsextreme Partei Jobbik bezeichnet Homosexualität als «entartet» und «antichristlich»; seit Jahren fordert sie ein Verbot der Veranstaltung. 

Grüss euch, die Post ist da!

11. Juli 2015

Der ungarische Briefträger Tibor Szöke möchte die Welt ein klein wenig besser machen. Deshalb trägt er dort Briefe aus, wo niemand anderer hingehen will – in die Slums der Stadt Pécs. 

Gegen halb neun Uhr morgens wird das Tor des Postverteilzentrums geöffnet. Über 100 Briefträger eilen hinaus auf den Bahnhofsvorplatz der süd­ungarischen Stadt Pécs. Nur wenige haben ein Auto, die meisten gehen zu Fuss oder steigen in den öffentlichen Bus. Tibor Szöke nimmt die Linie 4, die zwischen Uranstadt im Westen und Heldenplatz im Osten der Stadt verkehrt. 20 Minuten muss er bis zur Endstation am Stadtrand fahren. Ein Sitzplatz ist um diese Tageszeit kaum zu bekommen, aber Szökes dunkelgrüne Posttasche ist heute auch nicht besonders schwer. Die Sozialhilfe hat er vergangene Woche ausbezahlt, Pakete muss er nur selten mitnehmen. Dafür trägt er viele eingeschriebene Briefe: von der Polizei, vom Gericht oder von Inkassobüros. Und dann sind da noch die kleinen Zettel, die Szöke weit über sein Zustellgebiet hinaus bekannt gemacht haben: Auf sieben mal fünf Zentimeter grosse grüne, rosa oder gelbe Papierstücke schreibt er mit der Hand selbst ausgedachte Lebensweisheiten und Aufmunterungen. Der streng katholische Szöke verteilt sie jeden Tag auf seinem Rundgang: «Das Gute kann man immer vermehren. Nur das lohnt sich im Leben.» Er schätzt, dass er bisher schon an die 50 000 Zettel geschrieben hat. 


Briefträger Tibor Szöke hat kein Problem mit den Menschen der Siedlung. Nur mit ihren Hunden. Foto: Andras D. Hajdu

Plakate unter Beschuss

12. Juni 2015

Die Regierung in Budapest verstärkt ihre Kampagne gegen ­Flüchtlinge. Sie stösst auf Widerstand und Spott. 

Die alte Bergwerkssiedlung Hösök tere am Rand der südungarischen Stadt Pécs kennt viele Probleme: die Schliessung der Minen, die hohe Arbeitslosigkeit, die Abwanderung und die Verarmung der verbliebenen Bewohner. Asylbewerber aus dem arabischen Raum oder Afrika aber sind hier völlig unbekannt. Flüchtlinge habe sie noch nie gesehen, sagt eine Frau im Elendsviertel. 


«Wenn Sie nach Ungarn kommen, müssen Sie die Gesetze befolgen»: Regierungplakat in einem entlegenen Vorort der Stadt Pécs. Foto: B. Odehnal

Billett in den Jihad

27. Mai 2015

In Österreich wurde ein 14-Jähriger verurteilt. Er hatte den Wiener Westbahnhof sprengen wollen. 

Es war ein kurzer Prozess. Nach drei Stunden sprachen die Richter Mertkan G. schuldig: Er habe ein Sprengstoff­attentat auf einen Bahnhof geplant und sich dem Islamischen Staat anschliessen wollen. Der 14-Jährige wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, acht Monate davon unbedingt. Fünf Monate sass der Verurteilte schon in Untersuchungshaft. 

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig: Die Staatsanwaltschaft bat um drei Tage Bedenkzeit, da sie die Strafe als zu gering betrachtet. Der Angeklagte zeige weder Reue noch Schuldbewusstsein. Verteidiger Rudolf Mayer präsentierte seinen Mandanten hingegen als Opfer: des Westens, dessen Nahostpolitik erst die al-Qaida und den Islamischen Staat gross werden liessen, und der österreichischen Politik, die Jugendliche wie Mertkan auf der Strasse stehen lasse.

Fegefeuer der Eitelkeiten

22. Mai 2015

Begeisterung ist Bürgerpflicht, Ironie verpönt, und Conchita Wurst tönt aus der Kanalisation. Wien im Zeichen des Eurovision Song Contest: Momentaufnahmen einer Stadt im Ausnahmezustand. 

Residenz der Schweizerischen Botschaft. 

«Na, das ist doch nett», seufzt der grauhaarige Diplomat, als der Applaus für die junge Künstlerin verebbt. Ob das ernst oder ironisch gemeint war, ist bei einem Publikum schwer herauszufinden, das sich berufsbedingt stets hinter distanzierter Höflichkeit versteckt. Es ist ein lauer Abend, der Schweizer Botschafter hat zum Empfang geladen. Ehrengäste im frisch renovierten Seitentrakt des barocken Palais Schwarzenberg sind Mélanie René und ihr Team für den Song Contest. Begleitet von einem sensiblen Pianisten, singt die 24-jährige Genferin zwei sehr langsame Jazzstandards und danach von ihrem Weg aus der Dunkelheit, «Time to Shine».

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